Das Ölwunder

„Zu den vier Elementen – Erde, Wasser,
Feuer, Luft – müsste eigentlich ein fünftes
hinzugefügt werden, die Olive:“
Willis Barnstone

Jürgen Elsner: DAS ÖLWUNDER.
Installationen und Wandobjekte im Medium des Öles

Seit 6000 Jahren sind Olivenbäume in der Kulturgeschichte des Menschen belegt. Die Legende von der Gründung Athens erzählt, wie der Olivenbaum aus einem Wettstreit zwischen Poseidon und Athena um den Besitz Attikas hervorgegangen ist. Zeus erklärte, dass das Land demjenigen zugesprochen würde, der die nützlichste Gabe böte: Poseidon schlug das Pferd vor, Athena den Olivenbaum. Die Götterversammlung votierte für den Olivenbaum und Athena trug den Sieg davon. Um ihrer Schutzgöttin Dank zu erweisen, gründeten die Griechen die Stadt Athen und pflanzten den ersten Olivenbaum im Tempel von Athena und Poseidon. Der Ölbaum ist seitdem ein Symbol für Kulturleistung im ursprünglichen, demütigen Sinn, für einen behutsamen und bewahrenden Umgang mit der Natur. Da er seinen Ursprung in Griechenland und dem Nahen Osten hat, ist er vor allem mit der griechischen Antike und der biblischen Geschichte eng verknüpft. Bekanntestes Heilsmotiv aus dem Alten Testament ist die Rückkehr der Taube, die Noah während der Sintflut ausgesandt hatte, um Land zu finden.

DER ÖLBAUM EIN SYMBOL FÜR WOHLSTAND, EWIGES LEBEN UND FRIEDEN,
ABER AUCH FÜR REINHEIT, UNSTERBLICHKEIT UND WIEDERAUFERSTEHUNG.

Nach ihrem zweiten Flug trägt sie einen Ölzweig, den ersten Spross einer neuen Schöpfung, im Schnabel zum Zeichen der Erneuerung und der Vergebung Gottes. So ist die Taube mit dem Ölzweig bis heute ein universelles Bild des Friedens und der Versöhnung geblieben.

Im minoischen Kreta war die Verwendung von Olivenöl für kultische Zwecke weit verbreitet. Die Minoer hatten die besondere Heilwirkung und Kraft des Olivenöls erkannt und pflegten den Ölbaum als heiliges Kulturgut. Bäume waren in der antiken Welt ohnehin Gegenstand besonderer Verehrung, galten sie doch als Wohnstätten von Göttern und Naturwesen. Für die jüdischen und christlichen Religionen ist der Ölbaum ein Symbol für Wohlstand, ewiges Leben und Frieden, aber auch für Reinheit, Unsterblichkeit und Wiederauferstehung. In den islamischen Mythen steht der Olivenbaum für die Weltachse; als Baum des Paradieses vermittelt er den Menschen das göttliche Licht.

DER OLIVENBAUM STEHT FÜR GENÜGSAMKEIT, STÄRKE,
FRUCHTBARKEIT UND LANGLEBIGKEIT.

Da der Olivenbaum selbst widrigsten Verhältnissen und dürrem Klima trotzt und dennoch reiche Ernte bringt, steht er für Genügsamkeit, Stärke, Fruchtbarkeit und Langlebigkeit: Dieser Baum lehrt Demut. Sein Öl ist in der Bibel ein Sinnbild für Reichtum und Segen, ein heiliges Geschenk Gottes. Heute ist vor allem die medizinische Heilwirkung des Olivenöls gut erforscht: Es schützt vor freien Radikalen, Depression und Schlaganfall, senkt den Blutdruck, mindert das Krebsrisiko, enthält 230 gesundheitsfördernde Substanzen und ist darüber hinaus wie schon in alten Zeiten ein beliebtes kosmetisches Mittel zur Schönheitspflege.

In der Antike war Olivenöl als Währung des Mittelmeerraumes sogar ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und galt als „Gold des Südens“. Aber seine Bedeutung erschöpfte sich nicht nur im Materiellen, sondern es hatte als heilige Substanz auch immateriellen Wert. Schon Homer bezeichnete Olivenöl als „flüssiges Gold“.

IN DER KUNST VIELER KULTUREN SOWIE IN DER LICHTMETAPHYSIK DES MITTELALTERS SAH MAN IM GOLD EINEN SPIRITUELLEN STOFF, DER DEN MENSCHEN DEM GÖTTLICHEN DURCH ANSCHAUUNG NÄHER BRINGEN KANN.

Bild eines Olivenbaums

Das echte Gold wiederum versinnbildlichte in der frühchristlichen, mittelalterlichen und byzantinischen Kunst das immaterielle Licht, das Heilige der göttlichen Sphäre. Als Emanation des ewigen Lichts ist es Spiegel des Absoluten. In der Kunst vieler Kulturen sowie in der Lichtmetaphysik des Mittelalters sah man daher im Gold einen spirituellen Stoff, der den Menschen dem Göttlichen durch Anschauung näher bringen kann. Auf der Suche nach solchen Stoffen, in denen sich heilige Lichtkraft in der Materie verdichtet, treffen wir auch auf das Olivenöl. Seine Wirkung ist dem des Goldes vergleichbar, aber es wurde bislang – im Gegensatz zum Gold – nicht als künstlerisches Material zur Veranschaulichung spiritueller Botschaften verwendet. Es ist das Verdienst von Jürgen Elsner, hier die Verbindung geschaffen zu haben.


EIN ENERGETISCH UND SPIRITUELL AUFGELADENES MATERIAL –
VOLL GESPEICHERTER WÄRME, LICHT- UND HEILKRAFT, NEBEN DEM
GOLD DIE IRDISCHE ESSENZ DES SONNENLICHTS SCHLECHTHIN.

Seit vielen Jahren verwendet Jürgen Elsner als primären und originellen Werkstoff Olivenöl aus dem Mittelmeerraum und konzentriert es in Acrylglasbehältern zu minimalistisch-seriellen Installationen. Olivenöl ist für Jürgen Elsner ein energetisch und spirituell aufgeladenes Material – voll gespeicherter Wärme, Licht- und Heilkraft, neben dem Gold die irdische Essenz des Sonnenlichts schlechthin. Olivenöl ist ihm daher – wie den alten Mittelmeervölkern – kostbar und heilig.

ELSNER MALT NICHT BILDER IN ÖL, SONDERN KOMPONIERT BILDFOLGEN MIT ÖL, BRINGT SOMIT DEN NATURSTOFF SELBST ZUM SPRECHEN.

Die Verwendung von Acrylglas ermöglicht dem Künstler, die unterschiedlichen Farbqualitäten von Ölen verschiedener Herkunft und Ernte sichtbar zu machen. Er füllt es in Röhren aus Acrylglas, in flache quadratische, rechteckige, runde oder kreuzförmige Behältnisse und ordnet diese zu strengen seriellen Mustern und Reihungen an der Wand. Das hat etwas von der Zurschaustellung einer Reliquie, andererseits wirkt die minimalistisch nüchterne Präsentation einer allzu starken sakralen Aufladung entgegen. In jedem Fall aber geht es um die Inszenierung der Kostbarkeit und des verblüffenden Farbspektrums der diversen Öle. In unterschiedlichen Rastern komponiert Elsner Farbtonreihen mit subtilen Nuancen und Tonverschiebungen; er spielt sozusagen auf der Klaviatur des Lichtspektrums von Olivenöl. In langgestreckten, querrechteckigen Formaten unmittelbar aneinander gereihter Sequenzen variiert er die Prinzipien der sogenannten Farbfeldmalerei, ohne jedoch tatsächlich zu malen: Elsner malt nicht Bilder in Öl, sondern komponiert Bildfolgen mit Öl, bringt somit den Naturstoff selbst zum Sprechen (Naturvielfalt). Eine andere Reihe aus Quadrat-im-Quadrat-Motiven zitiert die berühmte Werkserie Homage to the Square von Josef Albers. Der von Albers entdeckte „Überstrahleffekt“ von Farben (Interaction of colour) ist auch hier wirksam.

DAS DURCHSICHTIGE ACRYLGLAS WIRD ALS NEUTRALES MEDIUM EINGESETZT, UM DEN KOSTBAREN ESSENZEN EINE RAUMHÜLLE ZU GEBEN, DAMIT SIE IHRE TIEFE LICHTHALTIGKEIT, IHRE INDIVIDUELL GESÄTTIGTE LICHTKRAFT UND IHR WARMES, SONNENHELLES STRAHLEN MÖGLICHST ABLENKUNGSFREI UND UNGETRÜBT ENFALTEN KÖNNEN.

Das Auge des Betrachters ist aufgefordert, die verschiedenen Schwingungsfrequenzen und die sublimen Rhythmen in den Quadratstraßen und Quadrat-rastern, den Farbtonreihen und -variationen wahrzunehmen. Öl ist nichtgleich Öl – jede Mischung hat ihre eigene Farbschwingung. Das durchsichtige Acrylglas wird dabei als neutrales Medium eingesetzt, um den kostbaren Essenzen eine Raumhülle zu geben, damit sie ihre tiefe Lichthaltigkeit, ihre individuell gesättigte Lichtkraft und ihr warmes, sonnenhelles Strahlen möglichst ablenkungsfrei und ungetrübt entfalten können. Bewusst kontrastiert der Künstler die leuchtende Vitalität des Naturstoffs mit der mathematisch strengen Geometrie und kühlen Sachlichkeit der Raumhüllen. Konkrete Kunst und minimalistische Formensprache treffen auf die Urkraft der Natur, dienen als Folie für die Huldigung des Künstlers an die Heilkräfte und Segnungen der Natur.

das Schwarze Kreuz, wird als geistige Urform einer zweck –
und gegenstandsfreien Metaphysik zitiert und gleichzeitig einem
Abbild des göttlichen Lichtkreuzes gegenübergestellt.

In fast mönchischer Manier beschränkt sich Jürgen Elsner auf wenige geometrische Formen und zwei kontrastierende Farbwirkungen: das nuancenreiche Gelb der Olivenöle und das Schwarzbraun des (Kürbis-)Kernöls. Mit diesem Hell-Dunkel-Kontrast bekommt er einen elementaren Kontrapunkt in die Lichtreihen der Olivenöltöne; wie der Wechsel von Tag und Nacht auf der Erde für unsere seelische Entwicklung und Gesundheit unerlässlich ist, wirkt sich der Einsatz und die Zäsur des dunklen Kernöls steigernd auf die Wirkung und Wahrnehmung der lichthaltigen Öle aus. Stets begleitet in der Materie der Schatten das Licht.

Dementsprechend vergegenwärtigt uns der Künstler das Symbol des Heils, das gleichschenklige Kreuz, in einer Anordnung als kontrastreiches Paar aus Lichtkreuz und schwarzem Kreuz. Kasimir Malewitschs nackte, von historischem Ballast und christlicher Ideologie befreite Ikone der Moderne, das Schwarze Kreuz, wird hier als geistige Urform einer zweck- und gegenstandsfreien Metaphysik zitiert und gleichzeitig einem Abbild des göttlichen Lichtkreuzes gegenübergestellt.

die Rückkehr zu den Kräften der Natur der Bezug zum Kreuz,
zu Gott, zur Schöpfung und wahren Mitmenschlichkeit.

In den endzeitlichen Katastrophen unserer globalisierten Moderne,
in der durch menschliches Fehlverhalten, Machtausübung und Ausbeutung von Mitgeschöpf und Natur eine Umkehr zum Guten schon fast nicht mehr möglich scheint, hält Elsner mit seinen Werken eine ebenso schlichte wie einprägsame Heilsbotschaft bereit. Indem er mit dem Olivenöl einen aus der Natur gewonnenen Stoff und energetischen Lichtspeicher verwendet, appelliert der Künstler daran, dass nur in der Rückkehr zu den Kräften der Natur der Bezug zum Kreuz, zu Gott, zur Schöpfung und wahren Mitmenschlichkeit wiedergefunden werden kann.

In der zeitgemäßen Formensprache des Minimalismus und mit der neuen Materialität eines „spirituellen Naturalismus“ (siehe auch Wolfgang Laib) schafft Jürgen Elsner ebenso klare, wie symbolisch starke Kontemplationsräume, in denen Frömmigkeit und Spiritualität ohne jede theologische Doktrin Ausdruck finden. Rekurrierend auf Elementarformen der Schöpfung, auf Kreuz und Quadrat und ihre hohe Bedeutung, verbunden mit dem flüssigen Gold des Öls, gibt er der Sehnsucht nach Licht und Läuterung demutsvoll Ausdruck.

„Bäume sind für mich stets die eindringlichsten Prediger gewesen“ – dieser Ausspruch Hermann Hesses gilt auch für Jürgen Elsner.

Seine Arbeit ist eine Verneigung vor den Kräften der Natur, insbesondere vor der ausdauernden Kraft und Güte des Olivenbaums, vor dem Baum als Heiligtum. Der knorrige Olivenbaum erinnert an das ehemals heilige Verhältnis von Mensch und Natur, an den arkadischen Einklang und die Harmonie mit der Natur. Wer dem Baum zuzuhören weiß, der erlebt Wahrheit und Erleuchtung. „Bäume sind für mich stets die eindringlichsten Prediger gewesen“ – dieser Ausspruch Hermann Hesses gilt auch für Jürgen Elsner.

Text: Barbara Regina Renftle,
anlässlich der Ausstellung „Die Essenz des Lichts“
vom 21. April – 3. Juni 2016 in der Südwestbank in Stuttgart

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